Im Fokus

Der Komponist Georges Aperghis

Georges Aperghis ©Kai Bienert


»Ich habe keine kräftige Stimme. Es fällt mir sehr schwer zu sprechen. Zum Beispiel vor vielen Leuten. Und damit hängt der Umstand zusammen, dass ich sehr darauf bedacht bin, wie jemand spricht.«

Auch in der eigenen Musik achtet der griechisch-französische Komponist Georges Aperghis stets auf das Wie des Sprechens. Überhaupt besitzt die Laut-Artikulation – und das betrifft Stimme ebenso wie Instrumente – in seinem umfangreichen und weit gefächerten Œuvre einen bemerkenswert hohen wie künstlerisch detailliert ausdifferenzierten Wert.

1945 in Athen als Sohn eines Bildhauers und einer Malerin geboren, schult sich Aperghis als Komponist wie als Maler weitestgehend autodidaktisch, hört – Griechenland lag damals auf der Landkarte der Avantgarde ziemlich im Abseits – wann immer es ging, Werke der Moderne, etwa von Bartók, Strawinsky oder Schönberg und liest alle Partituren, derer er habhaft werden kann. Gleichwohl zweifelt er, ob er sich der Musik oder der bildenden Kunst zuwenden soll.

Als er 1963 nach Paris übersiedelt, entscheidet er sich ganz für die Musik und erarbeitet sich das Repertoire und Inventar der neuen Musik. So beeinflussen ihn die haptischen Klänge der oft architektonisch gedachten Musikkonzepte des älteren und ebenfalls in Paris lebenden Landsmannes Iannis Xenakis. Außerdem prägen ihn nachhaltig die Errungenschaften und Techniken des von John Cage und Mauricio Kagel gleichermaßen in den 1950er Jahren entwickelten »Instrumentellen Theaters«.

Zwei Jahrzehnte später gründet er in Paris die Theatergruppe Atelier Théâtre et Musique (ATEM) und konzipiert mit den dort gleichberechtigt zueinander stehenden Sängern, Schauspielern, Musikern und bildenden Künstlern Ausdrucksformen, in denen banale und oft kleine Situationen aus dem ganz normalen Leben überführt werden in eine theatralische Poesie. Diese Art des Sehens, des Hörens, des Denkens und die daraus gewonnenen Einsichten – nämlich das stets merkwürdige Schwanken in unserer Kommunikation, das stolpernde Spiel von Frage und Antwort, das Verhältnis von Aktion und Reaktion – wohnt auch seiner Instrumentalmusik inne.

So haben Aperghis‘ Interpreten nicht nur ihr Instrument vollends zu beherrschen, sondern auch sich selbst. Exakte Notationen der Mimik und Gestik schreibt er seinen Werken – weit über hundert sind es – ebenso ein wie nicht selten auch das Sprechen. Die verschiedenen Möglichkeiten der Sprechweisen, ihrer Timbres und die damit einhergehenden Affekte kalkuliert der passionierte Zigarrenraucher Aperghis in seinen Stücken höchst genau, ebenso die daraus entstehenden Klein- und Binnendramaturgien, aus denen sich Szenen und große Formen zusammensetzen.

Narration und Rezitation sind Kernbegriffe seiner Ästhetik. Das gilt nicht allein für seine Musiktheaterwerke oder Vokalkompositionen; auch die reinen Instrumentalstücke, sieht man von den frühen Studien einmal ab, erweisen sich als rhetorische Organismen, die vom Solo bis zum großbesetzten Orchester reichen. Seine Stücke singen ein Klangidiom von erstaunlich rhetorischer Kraft und zeigen sich als elaborierte Rezitative. Nicht dass Georges Aperghis so arbeiten würde wie zu Barockzeiten und dass er einen Katalog von vertrauten rhetorischen Figurenlehren abfeiern würde. Aperghis‘ Rhetorik ist eine der sonoren Gesten, die eine effektive erzählerische Situation schaffen. Hinzu kommen überraschende dramaturgische Ideen, Brüche, Sprünge und Kontinuitäten, die seiner Musik Narratives verleihen, mit Humor und Witz, jedoch stets auch mit dem von sich selbst eingeforderten Ernst. Denn die Musik des Georges Aperghis handelt vom Menschen – für den Menschen. 

(Stefan Fricke)

18 Werke in 12 Konzerten